Heiße Luft, um die Gemüter zu kühlen

Ach, herrlich, was die Rhetorik schafft. Und wie sich die Verbände (alias Lobbyisten) im Namen ihrer Mitglieder winden und aus Schlingen ziehen.

Zum Hintergrund: Anfang der Woche hat der BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Le Monde diplomatique den „Fleischatlas 2013“ herausgebracht, der unter eine CC-Lizenz zum kostenlosen Download zur Verfügung steht. Es handelt sich dabei um ein Werk – ganz im Stile des Weltatlas von Le Monde diploamtique – gespickt mit griffigen Infografiken, allesamt mit eindeutigen Quellenangaben belegt, um zu einem Thema kompakte Informationen zusammenzustellen, um einen Überblick über komplexe Zusammenhänge zu bieten. In diesem Fall eben über Fleischproduktion und -konsum.

Die Informationen, die die Autoren so übersichtlich zusammengefasst haben, haben zu einigen markigen Schlagzeilen in deutschen Publikationen geführt:

  • Jeder Deutsche isst knapp 1000 Hühner (Tagesschau)
  • Maßloser Hunger auf Tiere schadet der Menschheit (FOCUS)
  • Verbraucher in Deutschland zahlt „drei Mal fürs Fleisch“ (Deutschlandradiio Kultur)
  • Keiner braucht das Fleisch (Nordsee-Zeitung)
  • Umweltverschmutzung, Rohstoffverbrauch: Unser Schnitzel und die Folgen (Abendzeitung München)
  • Fleischkonsum der Deutschen: Auf Kosten der Armen (taz)

So viel schonungslose Presse konnte der der Deutsche Bauernverband (DBV) nicht unkommentiert lassen. In einer Pressemitteilung versucht er sich an einer Gegendarstellung. Doch leider bleibt es bei diesem Wunsch, denn sie liefert weder Argumente noch Antworten. Hier eine kommentierte Wiedergabe des Textes:

Der Deutsche Bauernverband (DBV) kritisiert den Versuch des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), den Verbrauchern mittels einseitiger Darstellungen über globale Entwicklungen ein schlechtes Gewissen beim Verzehr von Fleisch einzureden.

Wer den Fleischatlas gesehen hat, weiss, dass es hier um Aufklärung über die tatsächlichen Auswirkungen und häufig verschleierten Hintergründe unserer Lebensmittelproduktion geht und nicht um platte Polemik.

Aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes bleibt Fleisch ein wichtiger Bestandteil einer vollwertigen und gesunden Ernährung.

Diese Sicht teilen Ernährungswissenschaftler nicht, aber dass diese Aussage interessengeleitet ist, dürfte ja offensichtlich sein.

Die vom BUND offenbar propagierten Lebensstile treffen nicht in Ansätzen die Realität breiter Schichten der Bevölkerung.

Erstens propagiert der BUND in dieser Veröffentlichung nichts. Zweitens: richtig, sonst wären die Auswirkungen ja nicht so verheerend, wie es der Atlas darstellt.

Der Fleischverbrauch in Deutschland stagniere seit Jahrzehnten.

…auf hohem Niveau (siehe: Deutsche belegen Spitzenplatz beim Fleischkonsum).

Es gebe Nachfrageverschiebungen vor allem vom Rindfleisch hin zu Geflügel. Bei Geflügel- und Schweinefleisch wird ein wachsender Anteil des Verbrauches nicht mehr importiert, sondern in Deutschland erzeugt.

Das mag ja alles stimmen, aber was hat es mit der Sache zu tun, dass das Fleisch nun zum größeren Teil in Deutschland produziert wird? Es geht ja um die Haltung an sich und den Konsum an sich. Soll dieser Absatz vielleicht nur zeigen, dass hier jemand weiß, wovon er schreibt? Nun gut.

Ziel der deutschen Landwirtschaft werde es auch weiterhin sein, die tatsächlich vom Verbraucher nachgefragten Lebensmittel zu liefern, so der DBV.

Ein typisches Scheinargument: die Industrie schiebt den schwarzen Peter an den Verbraucher, der aber von der gleichen Industrie durch Werbung und Packungsgestaltung in die Irre geführt wird und eine journalistische Aufklärung zu verhindern versucht. Tatsache ist: 82% der Bevölkerung lehnen die Massentierhaltung ab, aus der aber aktuell 98% des Fleisches stammt, das in Deutschland verzehrt wird. Wenn also die Mitglieder des DBV die Wünsche ihrer Kunden ernst nähmen… ach, lassen wir das Fabulieren und Wunschdenken. Weiter im Text.

Der BUND dramatisiere auch mit seiner Behauptung, die Tierhaltung werde seitens der EU-Agrarpolitik massiv subventioniert. Seit 2005 wurde die direkte Förderung der Tierhaltung endgültig gekappt (“Entkopplung”).

Der DBV mag es für eine Dramatisierung halten. Ich halte aber 2,7 Mio. Euro bzw. 3,3 Mio. Euro pro Jahr allein für den größten Schweineschlachter Deutschlands für „massive Subvention“.

Stattdessen werden die Direktzahlungen als Flächenprämie für die Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft bei Wahrung von hohen europäischen Umwelt- und Tierschutzstandards gewährt.

Naja, auch die Auswirkungen dieser Vorgaben aus Brüssel sehen in der Realität eben anders aus.

Exportsubventionen haben heute in der EU praktisch keine Bedeutung mehr.

Aha, dazu kann ich nichts sagen – und recherchieren mag ich dazu jetzt nicht. Das scheint mir eher ein Detailthema zu sein. Bekräftigen oder entkräften würde es jedenfalls in meinen Augen nichts.

Aber das ist tatsächlich der letzte Satz dieser „Stellungnahme“ zu einer 52-seitigen, aufrüttelnden Darstellung unserer Agrarproduktion.

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