Von Äpfeln, Birnen und Nationen

Wie Statistiken die Weltsicht verzerren können

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Am Wochenende publizierte die Süddeutsche Zeitung in ihrer Wochenchronik eine aktuelle Statistik zur Flucht aus Syrien. Hauptaugenmerk hatte dort eine Aufstellung der „syrischen Asylbewerber in Europa“ (siehe oben). Ein Blick auf das Balkendiagramm macht klar: von den genannten europäischen Staaten hat Deutschland in den vier Jahren der Erhebung die meisten Flüchtlinge aufgenommen, dicht gefolgt von Schweden. Danach kommt – mit großem Abstand – die Niederlande.

Was hier aber so objektiv und unverfälscht erscheint, ist doch eine starke Verzerrung der Wirklichkeit, denn was hier verglichen wird, sind Nationen – komplexe Gebilde in Grenzen, die die Willkür der Geschichte in der Regel gewaltsam gezogen hat. Hier treten ja nicht Nationalmannschaften unter (einigermaßen) gleichen Voraussetzungen und Regeln gegeneinander an, sondern es werden höchst unterschiedliche Gemeinschaften mit sehr ungleicher Zahl von Menschen in voneinander verschiedenen Rahmenbedingungen verglichen. Es kann nicht gut gehen, wenn einer derart variablen Seite der Gleichung eine absolute Zahl entgegenstellt wird.

Zur Ehrenrettung: in der SZ-Grafik wird zumindest in Form von Zahlen die viel aussagekräftigere Größe von „Asylbewerbern pro 100.000“ Einwohner der verglichen Länder angegeben – aber eben nur als Zahl. Schwer erfassbar, und wenig aussagestark im Verhältnis zu den dicken Balken daneben.

Hätte die Redaktion diese Größe als die Grundlage für ihre Balken gewählt, wäre die Aussage der Grafik weniger einfach (und weniger Stammtisch-konform) gewesen, dafür aber deutlich näher an der Realität in den jeweiligen Ländern:

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Bei der Betrachtung dieser Zahlen fällt sofort auf, dass trotz der geographisch großen Entfernung die im Verhältnis zur Bevölkerung mit Abstand meisten Flüchtlinge in Schweden Schutz finden. Als nächstes Land des europäischen Nordens nahm Dänemark bisher im Verhältnis weniger als ein Drittel der Flüchtlinge Schwedens auf. Und Deutschland? Deutschland steht in dieser Betrachtung nicht mehr an einsamer Spitze, sondern nur noch im Mittelfeld, Platz 11 – mit 74 Flüchtlingen pro 100.000 Einwohnern in den vier Jahren der Erhebung.

Aber dies wäre nur eine von mehreren Möglichkeiten gewesen, um die absoluten Zahlen in verstehbare Relationen zu bringen. Deutschland hat ja nicht nur mehr Einwohner als z.B. Malta, die die SZ-Grafik gleichwertig behandelt, sondern es ist auch vermögender, größer in seiner Fläche und hat eine höhere Zahl an Geburten und allgemeiner Migration. Interessant wären also auch diese Verhältnismäßigkeiten:

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All diese Vergleiche wären besser gewesen, um sich der bloßen Zahl von Menschen anzunähern, die auf der Flucht vor Tod und Terror, Schutz suchen. Es wäre sinnvoll gewesen, ihr eine relative Größe zu geben und damit aufzuzeigen, über was hierzulande teilweise so irrational diskutiert wird.

Auf die von der SZ gewählte Art aber befeuert das Instrument der statistischen Grafik (das von vielen Menschen immer noch als objektiv per se angesehen wird) die emotionale Debatte nur noch weiter und stärkt zudem nationale Abgrenzungstendenzen statt die Chance des Mediums zu Nutzen und der Diskussion eine gute argumentative Grundlage zu liefern, die das Ausmaß der Migration einzuordnen hilft.

zusätzliche Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_Europas
https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Zypern
https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Zyperns
https://www.wolframalpha.com/input/?i=births+in+european+countries
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/360395/umfrage/einwanderer-und-auswanderer-in-den-eu-laendern/
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/293521/umfrage/zuwanderer-in-die-schweiz/
https://www.ssb.no/en/innvutv/
https://www.iom.int/cms/en/sites/iom/home/where-we-work/europa/south-eastern-europe-eastern-eur/serbia.default.html?displayTab=facts-and-figures
https://www.iom.int/cms/en/sites/iom/home/where-we-work/europa/south-eastern-europe-eastern-eur/the-former-yugoslav-republic-of.html

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