Von wegen Tierschutz – dass die Anforderungen des neuen Labels des Deutschen Tierschutzverbands nicht weit genug reichen, ist sicherlich diskussionswürdig. Dass aber die selbst gesteckten Ziele teilweise gar nicht eingehalten werden, ist ein Skandal.

Und von wegen Transparenz – Abschottung, Drehverbot, Interview-Verweigerung. Das bleibt weiter Alltag in der industriellen Massentierhaltung. Seht dazu den ARD-Beitrag „REPORT aus Mainz“.

17 Mio. Dollar für Mission „Vegan“ der NASA

Die NASA entwickelt für ihre in den 2030ern geplanten bemannten Mars-Mission eine komplett vegane Ernährung. Dazu soll nach aktuellem Stand frisches Gemüse und Obst im Raumschiff geerntet und verarbeitet werden.

Mit sage und schreibe 1 Mio. US-Dollar pro Jahr (also mindestens 17 Mio. US-Dollar bis 2030) werden nun vegane Gerichte entwickelt oder aus vegetarischen Kochbüchern nachgekocht, wie die leitende Forscherin des Rüstungskonzerns Lockheed Martin sagt. Das sei ein gering bemessenes Budget, das hoffentlich gegen Ende noch erhöht werden wird, wie eine andere Forscherin gegenüber Associated Press (AP) darstellt.

Fairerweise muss aber noch gesagt werden, dass neben der Entwicklung der Rezepte mit den Dollar-Millionen auch ein Ernährungstest über die geplante Dauer der Mission durchgeführt wird. Damit soll sichergestellt werden, dass sich eine Crew von 6-8 Astronauten ca. 2,5 Jahre (6 Monate Hinflug, 1,5 Jahre im Orbit des Mars und 6 Monate Rückflug) gesund ernähren kann.

Auf YouTube gibt es einen Einblick in die NASA-Laborküche.

Quelle: One Green Planet

Heiße Luft, um die Gemüter zu kühlen

Ach, herrlich, was die Rhetorik schafft. Und wie sich die Verbände (alias Lobbyisten) im Namen ihrer Mitglieder winden und aus Schlingen ziehen.

Zum Hintergrund: Anfang der Woche hat der BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Le Monde diplomatique den „Fleischatlas 2013“ herausgebracht, der unter eine CC-Lizenz zum kostenlosen Download zur Verfügung steht. Es handelt sich dabei um ein Werk – ganz im Stile des Weltatlas von Le Monde diploamtique – gespickt mit griffigen Infografiken, allesamt mit eindeutigen Quellenangaben belegt, um zu einem Thema kompakte Informationen zusammenzustellen, um einen Überblick über komplexe Zusammenhänge zu bieten. In diesem Fall eben über Fleischproduktion und -konsum.

Die Informationen, die die Autoren so übersichtlich zusammengefasst haben, haben zu einigen markigen Schlagzeilen in deutschen Publikationen geführt:

  • Jeder Deutsche isst knapp 1000 Hühner (Tagesschau)
  • Maßloser Hunger auf Tiere schadet der Menschheit (FOCUS)
  • Verbraucher in Deutschland zahlt „drei Mal fürs Fleisch“ (Deutschlandradiio Kultur)
  • Keiner braucht das Fleisch (Nordsee-Zeitung)
  • Umweltverschmutzung, Rohstoffverbrauch: Unser Schnitzel und die Folgen (Abendzeitung München)
  • Fleischkonsum der Deutschen: Auf Kosten der Armen (taz)

So viel schonungslose Presse konnte der der Deutsche Bauernverband (DBV) nicht unkommentiert lassen. In einer Pressemitteilung versucht er sich an einer Gegendarstellung. Doch leider bleibt es bei diesem Wunsch, denn sie liefert weder Argumente noch Antworten. Hier eine kommentierte Wiedergabe des Textes:

Der Deutsche Bauernverband (DBV) kritisiert den Versuch des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), den Verbrauchern mittels einseitiger Darstellungen über globale Entwicklungen ein schlechtes Gewissen beim Verzehr von Fleisch einzureden.

Wer den Fleischatlas gesehen hat, weiss, dass es hier um Aufklärung über die tatsächlichen Auswirkungen und häufig verschleierten Hintergründe unserer Lebensmittelproduktion geht und nicht um platte Polemik.

Aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes bleibt Fleisch ein wichtiger Bestandteil einer vollwertigen und gesunden Ernährung.

Diese Sicht teilen Ernährungswissenschaftler nicht, aber dass diese Aussage interessengeleitet ist, dürfte ja offensichtlich sein.

Die vom BUND offenbar propagierten Lebensstile treffen nicht in Ansätzen die Realität breiter Schichten der Bevölkerung.

Erstens propagiert der BUND in dieser Veröffentlichung nichts. Zweitens: richtig, sonst wären die Auswirkungen ja nicht so verheerend, wie es der Atlas darstellt.

Der Fleischverbrauch in Deutschland stagniere seit Jahrzehnten.

…auf hohem Niveau (siehe: Deutsche belegen Spitzenplatz beim Fleischkonsum).

Es gebe Nachfrageverschiebungen vor allem vom Rindfleisch hin zu Geflügel. Bei Geflügel- und Schweinefleisch wird ein wachsender Anteil des Verbrauches nicht mehr importiert, sondern in Deutschland erzeugt.

Das mag ja alles stimmen, aber was hat es mit der Sache zu tun, dass das Fleisch nun zum größeren Teil in Deutschland produziert wird? Es geht ja um die Haltung an sich und den Konsum an sich. Soll dieser Absatz vielleicht nur zeigen, dass hier jemand weiß, wovon er schreibt? Nun gut.

Ziel der deutschen Landwirtschaft werde es auch weiterhin sein, die tatsächlich vom Verbraucher nachgefragten Lebensmittel zu liefern, so der DBV.

Ein typisches Scheinargument: die Industrie schiebt den schwarzen Peter an den Verbraucher, der aber von der gleichen Industrie durch Werbung und Packungsgestaltung in die Irre geführt wird und eine journalistische Aufklärung zu verhindern versucht. Tatsache ist: 82% der Bevölkerung lehnen die Massentierhaltung ab, aus der aber aktuell 98% des Fleisches stammt, das in Deutschland verzehrt wird. Wenn also die Mitglieder des DBV die Wünsche ihrer Kunden ernst nähmen… ach, lassen wir das Fabulieren und Wunschdenken. Weiter im Text.

Der BUND dramatisiere auch mit seiner Behauptung, die Tierhaltung werde seitens der EU-Agrarpolitik massiv subventioniert. Seit 2005 wurde die direkte Förderung der Tierhaltung endgültig gekappt (“Entkopplung”).

Der DBV mag es für eine Dramatisierung halten. Ich halte aber 2,7 Mio. Euro bzw. 3,3 Mio. Euro pro Jahr allein für den größten Schweineschlachter Deutschlands für „massive Subvention“.

Stattdessen werden die Direktzahlungen als Flächenprämie für die Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft bei Wahrung von hohen europäischen Umwelt- und Tierschutzstandards gewährt.

Naja, auch die Auswirkungen dieser Vorgaben aus Brüssel sehen in der Realität eben anders aus.

Exportsubventionen haben heute in der EU praktisch keine Bedeutung mehr.

Aha, dazu kann ich nichts sagen – und recherchieren mag ich dazu jetzt nicht. Das scheint mir eher ein Detailthema zu sein. Bekräftigen oder entkräften würde es jedenfalls in meinen Augen nichts.

Aber das ist tatsächlich der letzte Satz dieser „Stellungnahme“ zu einer 52-seitigen, aufrüttelnden Darstellung unserer Agrarproduktion.

Transparenz vs. Ehrlichkeit

Ehrlichkeit ist ein alter Wert, dessen definitorische Grenzen wir alltäglich zu erweitern versuchen. Ist das Weglassen von Tatsachen bereits Lügen? Wie sieht es mit anderen rhetorischen Kniffen aus? Umdeutung, Verharmlosung, politisch korrektes Formulieren von unbequemen Wahrheiten?

Transparenz ist ein neuer Wert, der nüchtern ist und per se keine Verbesserung bedeuten muss, aber der die Möglichkeit zur Vieldeutung und damit Objektivität bereithält. Diese eindeutige Definition des neuen Wertes ist seine größte Chance, nicht umgedeutet und weniger stark missbraucht zu werden.

Dass er heute in aller Munde ist (wenn auch nicht immer identisch gemeint und auch nicht immer gelebt wird) ist auch die Dokumentation der Nuancenverschiebung vom Autoritätsdenken (der Sprecher ist für die Wahrheit verantwortlich) zur Eigenverantwortung (die eigene Interpretation der Fakten und die Gewichtung anderer Deutungen sind bedeutend) sowie von der Einbahnstraßenkommunikation (Redner-Zuhörer) zur Interkommunikation (Redner/Zuhörer – Zuhörer/Kommentator).

Letzteres ist eigentlich eine Rückgewinnung einer verloren gegangenen Streitkultur, dem Diskurs oder der Debatte – mit „ergebnisoffenem“ Ausgang, wie man heute noch häufig hinzufügt, weil es offenbar noch immer die Ausnahme darstellt. Aktuell herrscht eine Streitform vor, die Diskutanten und Moderator(en) zusammenbringt, wobei der Moderator keine Diskussion leitet und Aufmerksamkeit auf sich ergebende gemeinsame Perspektiven lenkt, was laut Wortursprung (das lateinische moderare bedeutet „mäßigen“, „steuern“, „lenken“) seine Aufgabe wäre.

Im besten Fall versucht der Moderator heute, „durch das Thema“ zu leiten und einen vorgefertigten Fahrplan einzuhalten. Im schlimmsten Fall arbeitet er die Unterschiede der Standpunkte heraus und verhindert so jegliche Art der Verständigung. So verkommt die „Diskussion“ zu einer mehr oder weniger gleich gewichteten Aufreihung von Thesen gemäß eines im Vorfeld ausgearbeiteten dramaturgischen Bogen.

Die 10% der reichsten Menschen in Deutschland verfügen über zwei Drittel aller Vermögen, während die Hälfte der Bevölkerung nichts hat.

Bei einer Gleichverteilung würden ca. 80.000,– Euro auf jeden Bürger entfallen.

Bis die nächste umFAIRteilen-Demo stattfindet, kann man hier die Petition für eine Vermögensteuer unterzeichnen, um aktiv dagegen vorzugehen, dass die vielbesagte Schere weiter auseinander driftet.

Auf dieser Website gibt es auch die Reichtumsuhr, denn in absoluten Zahlen ist das Missverhältnis ebenfalls beeindruckend.

Quelle: Wochenbericht Nr. 4/2009 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V.

Die Selbstlüge der Selbsterkenntnis

Vielleicht war die ganze Geschichte mit dem Apfel eine Selbstlüge. Wer weiß, ob der Mensch das Paradies nicht aus freien Stücken verlassen hat und sich später in Gram über sich oder seine Vorfahren das Vertriebenwordensein hinzugedichtet hat?

Es ist vielleicht sowieso nur eine Metapher vom dreieinigen Gott und dem Menschen. Denn eigentlich wüten alle Viere in uns. Es macht die Sache nur einfacher, sich selbst gespalten zu betrachten. So gesehen wäre die Geschichte vom Auszug aus dem Paradies nicht nur eine von Selbsterkenntnis sondern auch die vom Wunsch zur Selbstverwirklichung. Und natürlich unbenommen davon, dass dieses Streben in die Irre führt und uns von unserem Ursprung entfernt.

Doch wer, der einmal Bewusstsein geleckt hat, möchte schon den Umkehrschluss vom erkenntnisgehemmten Instinktwesen leben? Was wäre, wenn das Leben an sich nur dazu dient, uns von uns selbst zu entfernen? So weit, wie es geht. Das Band, das uns anbindet, wird nie reißen. Auch, wenn wir es noch so dünn straffen und unsere ganze Kraft des Egos dagegenstemmen. Am Ende holt uns das Paradies zurück.

Es gibt doch kein Voranschreiten außer im Leben. Und diese Erkenntnis hält zwei Handlungsoptionen parat:

  1. Wir müssen nicht voranschreiten, denn am Ende machen wir den großen Schritt zurück.
  2. Wir können nur hier voranschreiten, also lasst es uns tun – so lange wir können. Denn es gibt keine Gefahr, die uns von der sicheren Rückkehr abhalten wird.

Die Kontraproduktivität des gut gemeinten Ratschlags

Der Erfahrene sagt: „Du wirst erst später in Deinem Lebes erst erkennen, was wichtig für Dich gewesen ist und an welchen Gabelungen sich Dein persönlicher Weg ergeben hat“ und gibt den Ratschlag: „Lebe jeden Tag als wäre es Dein letzter, denn Du wirst unweigerlich sterben“.

Der Unerfahrene hört dies und versinkt in eine Starre. Er lebt auf kleiner Flamme, denn es scheint ja so, dass die wichtigen Erfahrungen gänzlich unplanbar, wie zufällig und als wichtig noch unerkannt sich ihm ergeben. Und ein Streben nach Bedeutung und Besitz scheint im Angesicht des jederzeit möglichen, in jedem Fall aber unabdingbaren Todes, keinen Sinn zu machen.

Und so lebt der gut gemeinte, auf den Erfahrungen des Erfahrenen basierende Rat im Unerfahrenen fort und bewirkt all das zu verhindern, was der Erfahrene ohne dieses Wissen noch erleben konnte.

Vielleicht sind die wahren Weisen die Schweigenden und die wirklich Lebenden die Unwissenden. Doch können wir den schweigenden Weisen nicht erkennen und loben den Redenden dafür. Und wir achten den Unwissenden nicht für seine blütengleiche Naivität, sondern den Wissenden und Umsichtigen für seine frühe Reife.

Die Kontraproduktivität des gut gemeinten Ratschlags

Der Erfahrene sagt: “Du wirst erst später in Deinem Lebes erst erkennen, was wichtig für Dich gewesen ist und an welchen Gabelungen sich Dein persönlicher Weg ergeben hat” und gibt den Ratschlag: “Lebe jeden Tag als wäre es Dein letzter, denn Du wirst unweigerlich sterben”.

Der Unerfahrene hört dies und versinkt in eine Starre. Er lebt auf kleiner Flamme, denn es scheint ja so, dass die wichtigen Erfahrungen gänzlich unplanbar, wie zufällig und als wichtig noch unerkannt sich ihm ergeben. Und ein Streben nach Bedeutung und Besitz scheint im Angesicht des jederzeit möglichen, in jedem Fall aber unabdingbaren Todes, keinen Sinn zu machen. 

Und so lebt der gut gemeinte, auf den Erfahrungen des Erfahrenen basierende Rat im Unerfahrenen fort und bewirkt all das zu verhindern, was der Erfahrene ohne dieses Wissen noch erleben konnte.

Vielleicht sind die wahren Weisen die Schweigenden und die wirklich Lebenden die Unwissenden. Doch können wir den schweigenden Weisen nicht erkennen und loben den Redenden dafür. Und wir achten den Unwissenden nicht für seine blütengleiche Naivität, sondern den Wissenden und Umsichtigen für seine frühe Reife.

Der Durst

Mir fehlt das Bild, die Vision, der ich nachlaufe. Stattdessen speise ich meine Vorstellungswelt aus Erinnerungen meines Lebens und der Leben der vor mir Gegangenen. Ich gehe jeden Tag mit verdrehtem Kopf durch die Welt, nähre eine Vorsicht, die es mir erlaubt, Laternenmasten auszuweichen ohne sie zu sehen, mit der Erfahrung meiner Ahnen. 

Aber jede Innovation bringt mich ins Stolpern, jede Revolution erschreckt mich. Neue Gedanken dringen durch mich und neue Worte verfehlen mein Ohr. Ich würde mich ausgeschlossen fühlen, wendete ich meinen Kopf nach vorn. Ich würde mich allein fühlen, wüsste ich um den Tod meiner Begleiter.

Aber es ist tröstlich und wirkt vollkommen, sein Leben derart hermetisch abgeriegelt zu verbringen. Es gibt keine ungestellten Fragen, es fehlen keine Antworten. Das Weltbild ist schlüssig. Jeder Zweifler wurde längst verbannt, die Fürsprecher geehrt und mir zur Seite gestellt. „Wenn Du Fragen hast, frag ihn“, hat man mir gesagt. „Wenn Du Zweifel hast, öffne Dich ihr“, wurde mir nahegelegt. Und so war ich allzeit geschützt und mein verdrehter Kopf konnte in seiner unnatürlichen Stellung verwachsen.

Die Sonnenuntergänge, die ich sah waren auf ewig verblichen, die Morgendämmerung stets fahl und neblig. Sich Gaumengenüssen und körperlichen Freuden hinzugeben erfüllte für mich nie einen Zweck. Jeglicher Kontakt zu meiner Umwelt wirkte wie gefiltert. Wahr war nur die Rückblende, auch wenn die Gespräche monoton verliefen und sich die Themen allmählich wiederholten. Die Sicherheit, zu wissen, was zu sagen ist, zu ahnen, was entgegnet würde, wog schwerer als der leicht zu unterdrückende Wunsch, das Zellophan vor meinem peripheren Blick zu durchbrechen.

Ich war zu aller Zeit beschützt, behütet, von leiser, ruhig fließender Liebe umgeben, die mir die aufbrausenden Wogen des wahren Lebens absurd und undurchdringbar erscheinen ließen. Wer stürzt sich schon ins Chaos, wenn er vom sicheren Ertrinken überzeugt ist? Ich jedenfalls nicht und so wandele ich mit einer vagen Unerschütterlichkeit durch mein Leben, meine Ahnen um mich wissend und meine Zeitgenossen innerlich verspottend. Aber natürlich nicht ernsthaft. Sie sind eben Suchende und können das stillle Glück nicht ermessen, das den ewig Findenden erfüllt, diesen sich im schnellen Wechsel selbst stillenden Durst.

Ein Silvester ganz ohne Silvester-Gefühl

Ein Silvester ganz ohne Silvester-Gefühl – ohne das mit Spannung und Erwartung Auf-Nulluhr-Hinfiebern. Es ist ja lediglich eine von vielen Mitternächten. Unser Erwachsenenbewusstsein bereitet die Entzauberung. Wenn der Tageswechsel zum Alltag gehört verliert der Jahreswechsel seine Mystik.

Als wir noch Kinder waren und die Geisterstunde unerreichbar wirkte, man gegen Müdigkeit und elterliche Argumente ankämpfen musste, um diese magische Schwelle zu erreichen, fühlte es sich noch an, als würde man eine Grenze ertasten, einen unwirklichen Punkt in unserer Realität erfahren können, wenn man nur im richtigen Moment bei Bewusstsein mit aufgerissenen Augen in die Luft starrte. Der pure Glaube daran, die unbekannte tief-nächtliche Dunkelheit, die irrwitzigen Erwachsenen, die über Unverständliches lachen konnten, gaben uns das Gefühl, als würden wir kollektiv etwas erleben können, das uns Gott, oder Gott-weiß-wer, eigentlich vorenthalten wollte – einen Zeitsprung, einen Riss in der sonst so stabilen Hülle der Realität – und etwas hervortreten würde, das unsere jegliche Vorstellung übersteigen würde.

Doch nach den Jahren, in denen man sich noch klein fühlte und dachte, man würde das Ausmaß des Wunders noch nicht ganz begreifen können, begann langsam die Ernüchterung. Ein Jahreswechsel war nicht anders als die Nacht durchzuarbeiten. Selbst der Wechsel eines Jahrzehnts wurde nur wenig wichtiger als der Wechsel zum nächsten Monat. Und wer es bis zur großen Milleniumsblase ausgehalten hat, den Glauben aufrechtzuerhalten wurde spätestens nach diesem gebündelten Nacht des Wechsels von Tag, Monat, Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert und Jahrtausend enttäuscht, als am nächsten Tag lediglich ein paar skandinavische Supermarktkassen die Abrechnung verweigerten, wir aber weit entfernt von dem angekündigten, unbeabsichtigten Atomerst- und -zweitschlag waren. Das Leben ging einfach weiter. Kein Luftanhalten, kein Sekundenrunterzählen, kein Nochmehralssonstbetrinken vermochte es auch nur für die Sekunde des Jahressprungs anzuhalten, seine wahre Identität zu zeigen, es zu entlarven.

Es blieb kalt und der Mensch, dem man tief in die Augen sah, dem man den ersten Kuss des Jahres gab, wurde nicht mehr geliebt, nicht weniger gehasst, als im vergangenen Jahr.

Es ist als hätten wir alle beim Eintritt in das Leben einen Vertrag unterschrieben, zu dessen Bedingungen es gehört, dass das Leben allein entscheidet, wann und wo die wahren Wendepunkte in der eigenen Biografie auftauchen. Der Kontrollzwang des Menschen versucht, sein Leben auf selbst festgelegte Momente auszurichten. Der schönste Tag soll die Hochzeit sein, an Weihnachten soll die Familienliebe zeigen, was sie kann und an Silvester sollen sich die Weichen geschmeidig neu stellen lassen.

Aber Gott- oder Gott-weiß-wem-sei-Dank ist das Leben überraschender.